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  • Stephanstag – Novum principium

    Du musst dich waschen, mein Lieber. Ohne zu zögern, bin ich in den Fluss gestiegen und habe mich gewaschen und bin auf die andere Seite gelangt. Schaue nicht zurück, sagt mir eine andere Stimme, ich mache alles neu, ich bin der Gleiche gestern, heute und morgen, ich bin dein Nachhausekommen, ich bin deine Erfüllung, deine Hoffnung, der Grund deines Glaubens und deiner Liebe, ich bin der gute Hirte, ich habe gute Gedanken über dich, ich will dich erquicken, so sehr habe ich dich Welt geliebt.

    Aufgewacht von meinem Traum, stehe ich auf, es ist noch Nacht, alle Schlafen noch, mit zitternden Beinen gehe ich die Treppe hinunter, Knie auf dem Boden und weine, Herr, mein Gott, ich habe erkannt, dass es Gnade ist, ich bin erst am Anfang meines Weges, doch habe ich erkannt, dass es Gnade ist. Vergib mir, ich brauche dich. Lass mich nicht mehr zurückkehren, ich bin kein Sklave mehr, ich bin dein Kind, dein Sohn und Bruder. Du hast mich zuerst geliebt, jetzt kann ich dich lieben, dich meinen Nächsten und mich. Habe Geduld, lasse mich nicht, Herr, lasse mich nicht, nimm mich mit und verändere mich. Amen

  • Weihnachten – Sapientia

    Wie eine Spirale reisst mich der Sturm in ein Loch voller Dunkelheit, ich sehe Sterne, das Weltall und sehe ihn, inmitten der Sternbilder, der Anfang und das Ende, der Morgenstern und er sagt, VERTRAUE MIR, er nimmt seine zweite Hand durchbohrt mich und pflanzt mir ein neues Herz ein, verschliesst es mit seinem Blut. GLAUBST DU DAS DIESE TOTEN KNOCHEN WIEDER LEBEN KÖNNEN. Du weisst alles, Herr, sage ich ihm. SO LEBE und er bläst mich an. In diesem Moment spüre ich, dass mich eine junge Frau an die Hand nimmt. Wie heisst du, frage ich Sie. Sophia, mein Geliebter, sagt sie zu mir. Liebst du mich, frage ich sie, sie nickt und küsst mich auf die Stirne, mit meinem ganzen Leben, mit meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart und meiner Zukunft, ich liebe dich mehr als eine Mutter, mehr als eine Frau, mehr als alles weibliche dass du kennst, ich bin die Weisheit, der Atem, die Ordnung, die Demut, das Nachhausekommen, die Barmherzigkeit, dein einziger Trost, deine Ermutigung, ich liebe dich, ich liebe dich –  und ich weine und weine, weine mir meine ganze Einsamkeit aus der Seele, meine Frustrationen, meine Traurigkeit, meine Wut, meine Enttäuschung, die Enttäuschung die ich anderen Menschen war. Verstehst du? Fragt sie mich, verstehst du? Ja, langsam, antworte ich. Es ist Gnade, mein Geliebter, du bist gekrönt mit Güte und Barmherzigkeit, das Gesetz der Gestrandeten ist in dein Herz geschrieben, alle Verbände dieser Welt können deine Wunden nicht heilen, nur ich, mein Geliebter, nur meine Liebe zu dir und den Opfertod meines Bruders und die Vaterliebe unseres Vaters. Ab heute wirst du verstehen, dass all das Sehnen nach uns wahr, nach mir, mein Geliebter. Mit ihr an der Hand landeten wir wieder auf der Erde. Sie führte mich an der Hand an einen grossen Fluss.

    Der Heilige Geist, der Wind Gottes, die Weisheit hat im Hebräischen den weiblichen Artikel. Das rote Kleid wiederspiegelt das Blut Jesu, das fladernde Gewand symbolisiert die Taube, welche bei der Taufe von Jesus auf ihn niederfiel.

  • Heilig Abend – Tempestas

    Stunden später suche ich mir einen Platz zum Schlafen, abseits der Gruppe und zünde mir ein Feuer an. Plötzlich zieht ein Sturm auf, ein Sandsturm, er rasst auf mich zu. Ich versuche mein Gesicht zu bedecken. ich versuche wegzurennen, ich versuche mich im Sand ein zu graben. Der Sandsturm trifft meine Körperteile mit so einer grossen Wucht, dass es scheint, alle Teile würden zerbersten. Ich schreie, doch kein Laut ist zu vernehmen, ich versuche die Augen zu schliessen, doch kann ich sie nicht schliessen. Wie in Todesstarre muss ich mich diesem Sandsturm stellen, ich kann nichts dagegen tun.

    Zuerst tönt es wie ein Rauschen, dann höre ich Stimmen im Sturm, die mir zurufen, wie tausend Wasserbäche: BIST DU WÜRDIG, DU STERBENDER MENSCH, BIST DU WÜRDIG? Panik und Angst überfallen mich, ich möchte Schreien vor Angst, doch kriege ich keinen Ton heraus. Die Stimmen sagen nochmals, BIST DU WÜRDIG, STERBENDER MENSCH, BIST DU WÜRDIG? Ich versuche mich zu verstecken, ich möchte mit dem Sand verschmelzen. Zum dritten Mal schreien die Stimmen: STERBENDER MENSCH, BIST DU WÜRDIG? Doch kann ich nicht antworten, der Sturm wird noch stärker und ich hoffe, dass er über mich hinweg weht. Er bleibt und wird stärker, reisst mir die Haut von den Knochen, ich schreie und schreie vor Schmerzen. BIST DU WÜRDIG, STERBENDER MENSCH. Ich schreie und drehe mich, kann mich nicht mehr verstecken, mich verstellen. BIST DU WÜRDIG, STERBENDER MENSCH. ANTWORTE MIR, STERBENDER MENSCH, schreit mir die Stimme entgegen. und ich schreie zurück: nein, nein, nein, ich bin nicht würdig, ich bin nicht würdig. DANN HAST DU KEINEN ANTEIL AN MIR, folgt die Stimme. BIST DU WÜRDIG, STERBENDER MENSCH. Nein, ich bin nicht würdig und hätte den Tod verdient, meine Schuld drückt mich zu Boden, ich habe es nicht verdient, ich bin nicht würdig. Nach diesen Worten nimmt der Sturm nicht ab. DU KANNST ES NIE, DU WIRST ES NIE KÖNNEN. Ich schreie vor Angst und Verzweiflung. DOCH ICH KANN ES, folgt die Stimme. ICH KANN ES. GIB MIR DEIN WERTVOLLSTES. Was willst du, Herr. Was willst du, Herr. ES WIRD DICH ALLES KOSTEN, DOCH GIB MIR DEIN WERTVOLLSTES. Ich habe Angst, Herr, ich kann nicht, ich habe Angst, Herr, doch was willst du von mir. ICH WILL DEIN HERZ. Ich kann nicht leben ohne mein Herz. JA, DAS STIMMT, DU WIRST STERBEN. Ich will leben, Herr. DU MUSST STERBEN, SONST KANNST DU NICHT LEBEN, STERBENDER MENSCH. Mit letzter Kraft sage ich ja, und ich spüre wie eine grosse durchbohrte Hand aus dem Sturm auf mich zukommt, JETZT, STERBENDER MENSCH, VERTRAUE MIR, ich lass es geschehen und er reisst mir mein Herz aus dem Leib.

  • 4. Advent – Oasis ad infirmos

    Nach mehreren Stunden erblickte ich am Horizont eine Oase. Ist es eine Fata Morgana? Mit der Hoffnung, etwas Wasser und einen Ruheort für dich Nacht zu bekommen, peilte ich diesen Ort an. Nein, meine Augen hatten mich nicht fehlgeleitet, es war eine Oase. Doch war ich nicht der Einzige. Die Oase schien ein beliebter Ort zu sein. Überall lagen Menschen auf Pritschen und waren von oben bis unten mit Verbandsmaterial eingebunden. Einige waren erleichtert, andere verhielten sich ruhig und schienen traurig zu sein. In der Mitte der Oase befand sich ein Teich, der es schaffte, bei Sonnenuntergang in diesen Teich zu gelangen, schien geheilt zu sein. Die Kranken versuchten mit ihren dicken Verbänden an den Teich zu gelangen, einige schleppend, die anderen hinkend, doch nur selten schaffte es ein Kranker in den Teich. So blieben und hofften sie am nächsten Tag. Ich unterhielt mich mit einem Kranken und fragte ihn, weshalb und wie lange er denn schon hier sei. Er sei vom Ausgangspunkt direkt an die Quelle geeilt. Sobald er geheilt würde, würde er sich wieder an den Ausgangspunkt  begeben. Seine Sorgen und Probleme hätten ihm diese Verletzungen zugefügt. Ob er nicht verzweifelt sei, frage ich ihn, niemand scheint den Teich innerhalb der nötigen Zeit zu erreichen. Nein, das gehöre dazu. Die Hoffnung stirbt zuletzt und es gäbe ihm Hoffnung, dass alle anderen ebenfalls in der gleichen Situation seien. Ich bemerke während des Gesprächs, dass das Blut seiner Wunde durch den Verband drang und er sich ab und an verkrampfte. Ich wusste, sobald die Nacht über der Wüste einkehrt, würden die Wölfe durch die Reihen gehen und sich ihren Anteil an der Mahlzeit nehmen. Ja, sagt mir der Kranke, nicht alle schaffen es an den Ausgangspunkt zurück. Ich erkläre ihm, dass ich zum Land meiner Träume unterwegs sei .

  • 3. Advent – Urbs characteres

    Noch bevor die Nacht einbrach, erreichte ich eine Stadt, die Stadt der Schilder. Jedes Schild schien eine andere Botschaft zu verkünden und in eine andere Himmelsrichtung zu deuten. Auf einem Schild stand “Autonomie 40 Kilometer – folgen Sie dem Wegweiser, er führt sie in das Land der Freiheit und Selbstbestimmung. Auf einem anderen Schild stand “besuchen Sie noch heute das Kapitol des Kapitalismus” – auf einem weiteren “Badeferien am Strand von Karma”, auf einem anderen “Wellness in Indirglückallein”. Am Rande der Stadt sah ich einen grossen elfenbeinfarbenen Turm. Er überragte alle Schilder der Stadt. Auf dem obersten Punkt befand sich eine Aussichtsplattform. Ein einsamer Pilger begegnete mir und ich fragte ihn, von wo er gekommen sei. Er käme zurück vom grossen Marsch, dem Land seiner Träume und habe von dort eine grosse Leiter mitgebracht, so hoch, dass man damit den Turm besteigen und die Aussicht geniessen könne. Gemeinsam half ich ihm, die grosse Leiter zu stemmen. Die Sonne blendete stark und verstärkte den Blendeffekt zusätzlich durch die vielen Metallschilder. Es verunmöglichte uns, die Leiter am Turm zu platzieren. Die Nacht brach herein und endlich gelang es uns, die Leiter am Turm anzusetzen. „Heute ist es zu spät, noch auf den Turm zu gehen, doch hier können wir nicht bleiben“, meint der Pilger, nachts kommen die Wölfe und fressen alles, was ihnen auf den Weg kommt. Schweren Herzens erklommen wir die Leiter, der Aufstieg war enorm gefährlich. Der Pilger mahnte mich, nicht nach unten zu schauen, sondern nach oben. Nach langen Kämpfen, Ausrutschen, sich festklammern, erreichten wir die Terrasse. Ein starker Wind wehte uns entgegen und es war fast unmöglich, sich über längere Zeit auf dem Turm zu halten. „Halte dich an mir fest, befahl mir der Pilger, gemeinsam müssen wir einander in dieser kalten Wüstennacht warm geben und uns auf die Terrasse legen, damit wir nicht fortgeblasen werden und erfrieren“. Erst in den Morgenstunden konnte ich einschlafen. Am anderen Morgen wurde ich früh wach. Ich stand auf und stellte mit Verwunderung fest, dass der Pilger nicht mehr da war und ich mich alleine auf dem Turm befand. Neben mir brannte ein Feuer und auf dem Feuer brutzelte ein Fisch vor sich hin und daneben ein Laib von Brot. Ein grosser Krug mit Wasser stand am Rande des Daches. Ich getraue es nicht zu berühren, spürte, dass dies ein heiliger Moment war. Doch hatte ich Durst und Hunger. Ich berührte das Gefäss und trank davon einen Schluck und gleich wollte ich anheben zum zweiten Schluck anheben und ich sah, wie ein junger Mann sich in diesen Krug in mich hinein schütten wollte. Ich erschrak, weil, dass was ich Trank war Wein und vor Schreck liess ich das Gefäss fallen. Das Gefäss fiel vom Turm und zerschellte am Boden. Doch diese kleine Flüssigkeitsmenge fuhr in meinem Bauch, ich spürte starke Krämpfe, wie bei einer Geburt, es zerrte mich, krümmte mich, ein dicker Klos blieb in meinem Mund stecken, ich brachte ihn nicht heraus, versuchte ihn herauswürgen, ich krümmte mich und mit letzter Kraft die ich zusammen nehmen konnte schrie ich oder etwas schrie in mir „Fili David miserere mei.“ Obwohl mich diese Wortwahl sehr befremdete, tönten sie nach all der Hoffnung, welche ich nur erahnte konnte, nach nach Hause kommen. Langsam kam ich wieder zu Atem. Ich stand auf, streckte und vergewisserte mich, dass die Leiter noch da war. Die Schilder schienen nicht mehr so gross zu sein in dieser Höhe. Plötzlich fiel mir auf, dass alle Wege der Schilder sich im Horizont zu einer grossen Strasse verbanden. Alle Wege führten zum gleichen Anfangspunkt, zum Ausgangspunkt. Auf der anderen Seite des Turms stellte ich mit Erstaunen fest, dass ein kleiner schmaler Weg weg von der Stadt weiter durch endlose Wüstenlandschaften führte. Am Horizont konnte man ungenau eine Bergkette erkennen. Ich hörte das Säuseln des Windes und dann merkte ich, dass ich wieder hören konnte. Nachdem ich mich entschieden hatte, den Turm zu verlassen und die Leiter herunterzusteigen, wand ich mich gegen Norden und Bergen zu. Die Hitze der Sonne brannte unaufhörlich und machte das Gehen schwer.

  • 2. Advent – Panis Libri

    Auf der staubigen Strasse begegnete ich einer Gruppe Menschen, die mir mit gesenktem Kopf entgegen kamen. Der Anführer, welcher ein riesengrosses Buch in seiner Hand hielt und unaufhörlich laut davon vorlas, schien mich nicht zu bemerken. Einer der beiden Knechte, die sein Buch stützen, bemerkten mich und blieben stehen. “Wohin des Pfades”, junger Mann, sagen sie. Ich suche das Land meiner Träume, erwidere ich. Das Land deiner Träume, sowas gibt es nicht. Wir sind bestimmt, in dieser Einöde zu bleiben und jedes Wort dieses grossen Buches zu kennen. Pass auf, Bursche, lass dich nicht durch Sehnsüchte leiten. Wie das Wort schon sagt, süchtig nach dem Sehnen. Nicht was dieses Buch vorschreibt. Wir müssen unaufhaltsam weitergehen, weiter und weiter, und nie aufgeben, bis wir das Buch auswendig gelernt haben. Gefühle, Sehnsüchte, bah, was für ein Gräuel. Ohne mich weiter zu beachten, setzte sich die Gruppe weiter in Bewegung. Einige von ihnen assen Kuchen, Kuchen aus Sand. Sie nennen es pane del libro. Kleine Kinder weinten oder nörgelten. Die Väter wiesen die Kinder zurecht, endlich Dankbar zu sein und die Kuchen zu essen und weiter die Worte des grossen Buches auswendig zu lernen. 

    Weiter ging meine Reise. Verunsichert, wütend ging ich weiter. Wenn es diese Hoffnung gibt, dann steht sie nicht in Büchern, sie muss so nahe am Herzen sein, so klar und unmissverständlich, alles andere ist Lüge, ein Hinauszögern, ein Abfertigen mit einfachen Parolen auf vergänglichem Papier. 

  • 1. Advent – Principium

    Ich stehe am Anfang dieser langer Strecke. Sie führt mich über steinige Wege, durch Wüstengebiete, durch Täler und Pässe, durch Feindgebiet bevor ich das Land meiner Träume erreiche. Ein Land, wo Milch und Honig fliesst. Es ist ein Wagnis. Ich kenne den Weg nicht, es gibt hierfür nur Wegbeschreibungen, keine Karte. Manche sind den Weg schon vor mir gegangen. Viele sind zurückgekehrt, einige auf der Strecke geblieben und es gibt das Gerücht, es ist nur ein Gerücht, dass es einige über den grossen Fluss geschafft haben und mit Trompetenschall und Trommeln in ihr Land eingezogen sind. Alles fing an mit der Sehnsucht, der Sehnsucht nach mehr, mehr von all dem was frei macht, was beflügelt, im Tiefsten befriedigt. Ich wurde geboren während einer grossen Hungersnot. Eine Hungersnot von grösstem Ausmass. Seit tausenden Jahren, abgespiesen mit Dreck und Lehm, versalzenem und mit Krankheiten versetztem Wasser. Auch nach jahrtausend Jahren konnten sich die Mägen der Menschen nicht daran gewöhnen. Ihnen war übel, sie erbrachen, sie wanden sich vor Schmerzen und trotzdem blieb die Hoffnung, wenn auch je länger die Zeit verstrich wage, schwächer, doch in jeder neuen Generation flammte sie wieder auf, die Sehnsucht, nach Wahrheit, nach tiefster Befriedigung, nach der Sättigung wahren Brotes, nicht Steine, nicht Dreckfladen. Als die Hungersnot unbarmherzig zuschlug, machte sich meine Sippe auf, in das gelobte Land, wo Milch und Honig fliessen, die Erfüllung aller Wünsche. überzeugt von der neuen Perspektive beluden wir unsere Kamele, unsere Wagen, unsere Frauen und Kinder und verliessen die Wüste, um uns in einem fremden Land anzusiedeln. Die Freude wich bald der Ernüchterung, dass Brot war nicht besser als zuvor, es schien schmackhafter, schien zu stärken, desto länger man davon ass, desto mehr gab es Bauchkrämpfe. Wir wurden gemieden, gemieden vom ansässigen König und seinem Volk. Sie nutzten uns aus, zwangen uns zur Fronarbeit, verlangten mehr und mehr von uns, sie brachten unsere Säuglinge um, um uns zu schwächen. Doch wo war das Brot, war das Leben, wo die Stimme, die uns statt eines Steines, Brot anbot, wo der Barmherzige, der uns für immer in seine Arme schloss. Wo war der Weg, weg von der Lüge, zum Leben? Wer würde uns befreien von der Sklaverei, gab es diesen einen, diese Hoffnung, die uns nach all den jahrtausenden Jahren endlich zur Ruhe bringen könnte, gab es diese Macht, die allen Schmerz, alle Bitterkeit, allen Stolz, alle Unverbesserlichkeit, alle Tränen tilgen und uns endlich nach Hause führen könnte. Dürfte man sich noch Gedanken machen, Gedanken über eine neue Perspektive, einen neuen Lebensgrund, eine Hoffnung? Macht es überhaupt noch Sinn, sich so viele Mühen zu machen, an etwas anderes zu denken, als die Mühen des Tages, die Schmerzen, das Alleinsein, die Angst, die Bitterkeit? In diesen schlaflosen Nächten, wo ich wieder einmal kein Auge zugetan habe, habe ich mich erinnert, erinnert an die Geschichte, welche mir meine Grossmutter jeweils erzählt hatte:

    Manchmal, wenn der Nebel stark und das Land in seiner Morgenreife erwachte, nahte von weit weg eine junge Frau mit einem grossen Wasserkrug auf ihren Schultern, welche sie füllen wollte, der Nebel verfärbte sich farbig, wie bei einem Regenbogen, die junge Frau mit einem grossen Gefäss auf ihren Schultern ging jeweils zu diesem Brunnen, sie liess ihn in den Brunnen hinunter und dann geschehen unerklärliche Dinge, sobald die junge Frau den Krug aus dem Brunnen herausgezogen hatte, verwandelt sich der Brunnen in einen jungen Mann, der junge Mann goss sich selbst in dieses Gefäss, vor der jungen Frau öffnete sich ein klar sichtbarer Weg, es schien, dass der junge Mann sich zuerst als Wasser, rotes und durchsichtiges Wasser in dieses Gefäss einfüllen und selbst zu diesem Weg wurde. Die junge Frau strahlte, lachte und tanzte und folgte diesem Weg und desto länger sie dieses Gefäss betrachteten, desto mehr sahen sie ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder, ihre Schwester, ihre Grossmutter, ihren Grossvater darin. Die junge Frau entschwand ihren Blicken und ein grosser Blitz und Donner zerschlugen den Nebel und den Morgenreif und einige hören die Worte „ich mache alles neu“. Lag ich wach oder schlief ich?

    Wieder einmal einen Tag voller Entbehrungen, voller Frust, Angst und Depressionen. Während ich meinen Tränen nach langer Zeit wieder Raum geben konnte, und sich mein Strohkissen mit Feuchtigkeit füllte, hörte ich eine mir bekannte Stimme, zuerst wie ein Säuseln, später wie eine Stimme einer Gewitters von Ferne, „steh auf, mache dich bereit“, ich hörte zuerst nicht hin, wollte es nicht wahrhaben, dann wieder „steh auf, mache dich bereit“, diesmal hörte ich zwei Stimmen, eine Stimme einer jungen Frau und die Stimme einen jungen Mannes. „Steh auf, mache dich bereit“. Erst als die dritte Stimme, die eines Blitzes und Donners so ohrenbetäubend, zu mir sprach, sprang ich auf „Steh auf, mache dich bereit“. Ohne zu zögern stand ich auf, zitternd am ganzen Körper. Ich konnte nur noch eine Flasche Wasser, meinen Gürtel und meine Sandalen an mich reissen und begab mich in die dunkle Nacht. Ohne zu wissen, wohin, rannte ich, stürzte hin, rannte weiter, schlug meinen Knöchel an einen Stein, weinte, doch hörte ich meine Stimme nicht mehr. Sie war weg, alle Geräusche um mich herum waren weg, Stille, schreckliche Stille, nur den kühlen Wind spürte ich auf meiner verschwitzten Haut und den mir herunter laufenden Tränen. Ich stürzte und blieb liegen. Ich weiss nicht mehr, ob ich schlief oder bewusstlos war, erst als der Tag anbrach und mich die Sonne mit ihrer grossen Hitze weckte, war die Stadt bereits weit hinter mir. Ich befand mich am Rande einer grossen Wüste. Nur Sand, soweit das Auge reichte, keine Spuren, keine Menschen, keine Tiere, nur die segnende Hitze. Ich stand auf, fiel jedoch wieder hin, griff nach meiner Flasche, sie war noch da! Ich trank, doch durfte ich nicht alles austrinken, ich musste einteilen, wie lange ich unterwegs bin und wohin. Mein Kopf pochte und bei jedem Pochen hörte ich in mir die Stimme eines junges Mannes „steh auf, und mache dich bereit“. Sie tönte vertraut und doch erhaben und nicht von dieser Welt. So zog ich die Riemen meiner Sandalen an und stand auf. Erst mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Sand und die Hitze, ich riss einen Teil meines Gewandes ab und umgürtete diesen mit meinem Gürtel an meiner Stirne. So konnte ich meinen Kopf bedecken. Die Augen gewöhnen sich an Helligkeit und ich begann meine Wanderung.

  • Huntly – Zurückkehren

    Nein, auch wenn ich Petrus jetzt besser verstehe, auch ich hätte gestern viel gegeben zu bleiben: mein Berg der Verklärung Huntly mit all den tollen Leuten, welche ich kennengelernt habe, der wunderschönen Architektur, dem schottischen Dialekt, dem Wetter, Fauna und Flora, der so heimeligen Wohnung, den feinen Yum – Yums und Zimtschnecken. Hier könnte ich bleiben, doch das Erlebte soll geteilt, ausgeteilt, ausgelebt werden. Es soll weitergehen, nach diesem Neuanfang. Tiefer. Zeit mit dir, Herr. Gebet, was ich sehe an Freisetzung über meine Leute, die du mir aufs Herz gelegt hast, hinein beten. Sie brauchen dich, genau wie ich. Wenn ich für jemanden beten kann, dann kann ich ihn lieben.

    Der Ring an meinem rechten Mittelfinger, ein Symbol für deine Liebe und meine für dich, den Nächsten und mich selbst.

    Wir brauchen Jesus mehr denn je. Die Herausforderung werden nicht weniger. Wir brauchen ihn, sein Leiten, sein Korrigieren, sein Ermutigen, Trösten und uns Befähigen ausserhalb unserer eigenen Befindlichkeit zu treten. Vom ich zum wir und er mittendrin. Lasst uns Gott in unsere Leben einweben, ohne ihn erkalten wir, stumpfen wir ab oder verfallen in Panik.

    Herzlichen Dank für all die schönen Begegnungen mit Steve und Elisabeth, welche mich zu einem typischen schottischen Abendessen eingeladen und ihre Herzen geöffnet haben, für Alex, dem schottischen Barden, Steve, der Mann mit dem grossen Herzen und einer Vision, Lizz und ihrer wertvollen Arbeit bei Ellel, welche die Herzen der Menschen in Sorgfalt und Liebe formt, für Emma Carter für die tollen Gespräche und die Sportmassage und last but least dem Nachbar, welchen Namen ich nicht kenne, für die Gespräche über Schottland und den Schnee. Ihr seid in meinen Gebeten.

    Oswald Chambers; Theologe aus Aberdeen

    Für die meisten von uns ist Gebet zu einer frommen Phrase geworden, zu einem schönen Gefühl, zu mystischer Verbundenheit mit Gott. Beten ist sinnlos, wenn wir nicht als Kinder Gottes leben. Dann sagt Jesus: „Bittet, so wird euch gegeben“ (Matthäus 7,7).

  • Huntly – Freitag

    Es mag sein

    Vielleicht kam ich zu kurz

    Es mag sein

    Vielleicht habe ich mich mir wenig zugetraut

    Es mag sein

    Dass ich mich mit  Brotkrümmeln abfinden musste

    Wenn Jesus mich führt, dann führt er mich in die Weite

    Dann lässt er meinen Becher überlaufen

    Dann deckt er mir einen Tisch im Angesicht all der Mögenseins

    Ich bin nicht allein, du bist bei mir

    Du tröstest mich

    Deine Güte und Barmherzigkeit folgen mir

    Mein Herr und mein Gott, das Alte ist vergangen

    Du machst alles Neu

    Ich bleibe bei dir bis ans Ende

    und dann für immer

  • Huntly – Donnerstag

    Mein Herz ist hart, steinhart, meine geistliche Flexibilität tief. Zulange habe ich selbst versucht meine Probleme zu lösen, habe verdrängt, Schmerzhaftes in die Seele verdrängt. Ich wusste immer, dass ich ein Teil von Gottes Familie war. War es mir jedoch so bewusst, dass der Vater im Himmel sich entschieden hat diesen Menschen smö in seine Familie aufzunehmen, sich entschieden hat, dafür seinen Sohn Jesus sterben zu lassen. Er hat mich am Kreuz gesehen. Weshalb renne ich nicht instinktiv wie ein Kind zu seinem Vater, sondern versuche selbst die Probleme zu lösen und mein Herz zu bewahren, dass es nicht noch mehr verletzt wird? Ich verharre in diesem Loch, in diesem Grab der Einsamkeit und glaube, wenn ich mich zurückziehe und selbst tue, dann kann ich die Situation im Griff behalten. Als Kleinkind in eine Welt der Unsicherheit und der menschlichen Kälte geboren, kann ich nicht mehr zurück in den Mutterleib, in die Sicherheit. Wenn ich Sicherheit will, dann nur bei dem einen Vater, denn so sehr hat er die Welt geliebt. So wie Jesus Lazarus aus dem Grab rief, so ruft er heute zu mir: smö, komme, trete ins Licht, den ich bin dein Licht, trete heraus, die Zeit des Versteckens ist vorbei, ich habe dich gesehen, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist Mein. 

    Ich bin der Erste und der Letzte, ich bin der Gleiche gestern, heute und in alle Ewigkeit. So wie der Schnee in Huntly, will ich deine Sünden schneeweiss waschen, ich mache alles Neu, das Gute Werk, dass ich in dir begonnen habe, werde ich vollenden, nichts kann dich von der Liebe Gottes trennen. Du bist Mein. Ich habe den Preis bezahlt für deine Einsamkeit. Komm heraus, smö, du gehörst zu uns bis in alle Ewigkeit, du bist Sohn und nicht Sklave, du bist ein freier Mensch und nicht ein Gefangener, du bist Erschaffen um mit uns zu sein, deiner Familie geliebt in alle Ewigkeit. Amen