Ich stehe am Anfang dieser langer Strecke. Sie führt mich über steinige Wege, durch Wüstengebiete, durch Täler und Pässe, durch Feindgebiet bevor ich das Land meiner Träume erreiche. Ein Land, wo Milch und Honig fliesst. Es ist ein Wagnis. Ich kenne den Weg nicht, es gibt hierfür nur Wegbeschreibungen, keine Karte. Manche sind den Weg schon vor mir gegangen. Viele sind zurückgekehrt, einige auf der Strecke geblieben und es gibt das Gerücht, es ist nur ein Gerücht, dass es einige über den grossen Fluss geschafft haben und mit Trompetenschall und Trommeln in ihr Land eingezogen sind. Alles fing an mit der Sehnsucht, der Sehnsucht nach mehr, mehr von all dem was frei macht, was beflügelt, im Tiefsten befriedigt. Ich wurde geboren während einer grossen Hungersnot. Eine Hungersnot von grösstem Ausmass. Seit tausenden Jahren, abgespiesen mit Dreck und Lehm, versalzenem und mit Krankheiten versetztem Wasser. Auch nach jahrtausend Jahren konnten sich die Mägen der Menschen nicht daran gewöhnen. Ihnen war übel, sie erbrachen, sie wanden sich vor Schmerzen und trotzdem blieb die Hoffnung, wenn auch je länger die Zeit verstrich wage, schwächer, doch in jeder neuen Generation flammte sie wieder auf, die Sehnsucht, nach Wahrheit, nach tiefster Befriedigung, nach der Sättigung wahren Brotes, nicht Steine, nicht Dreckfladen. Als die Hungersnot unbarmherzig zuschlug, machte sich meine Sippe auf, in das gelobte Land, wo Milch und Honig fliessen, die Erfüllung aller Wünsche. überzeugt von der neuen Perspektive beluden wir unsere Kamele, unsere Wagen, unsere Frauen und Kinder und verliessen die Wüste, um uns in einem fremden Land anzusiedeln. Die Freude wich bald der Ernüchterung, dass Brot war nicht besser als zuvor, es schien schmackhafter, schien zu stärken, desto länger man davon ass, desto mehr gab es Bauchkrämpfe. Wir wurden gemieden, gemieden vom ansässigen König und seinem Volk. Sie nutzten uns aus, zwangen uns zur Fronarbeit, verlangten mehr und mehr von uns, sie brachten unsere Säuglinge um, um uns zu schwächen. Doch wo war das Brot, war das Leben, wo die Stimme, die uns statt eines Steines, Brot anbot, wo der Barmherzige, der uns für immer in seine Arme schloss. Wo war der Weg, weg von der Lüge, zum Leben? Wer würde uns befreien von der Sklaverei, gab es diesen einen, diese Hoffnung, die uns nach all den jahrtausenden Jahren endlich zur Ruhe bringen könnte, gab es diese Macht, die allen Schmerz, alle Bitterkeit, allen Stolz, alle Unverbesserlichkeit, alle Tränen tilgen und uns endlich nach Hause führen könnte. Dürfte man sich noch Gedanken machen, Gedanken über eine neue Perspektive, einen neuen Lebensgrund, eine Hoffnung? Macht es überhaupt noch Sinn, sich so viele Mühen zu machen, an etwas anderes zu denken, als die Mühen des Tages, die Schmerzen, das Alleinsein, die Angst, die Bitterkeit? In diesen schlaflosen Nächten, wo ich wieder einmal kein Auge zugetan habe, habe ich mich erinnert, erinnert an die Geschichte, welche mir meine Grossmutter jeweils erzählt hatte:
Manchmal, wenn der Nebel stark und das Land in seiner Morgenreife erwachte, nahte von weit weg eine junge Frau mit einem grossen Wasserkrug auf ihren Schultern, welche sie füllen wollte, der Nebel verfärbte sich farbig, wie bei einem Regenbogen, die junge Frau mit einem grossen Gefäss auf ihren Schultern ging jeweils zu diesem Brunnen, sie liess ihn in den Brunnen hinunter und dann geschehen unerklärliche Dinge, sobald die junge Frau den Krug aus dem Brunnen herausgezogen hatte, verwandelt sich der Brunnen in einen jungen Mann, der junge Mann goss sich selbst in dieses Gefäss, vor der jungen Frau öffnete sich ein klar sichtbarer Weg, es schien, dass der junge Mann sich zuerst als Wasser, rotes und durchsichtiges Wasser in dieses Gefäss einfüllen und selbst zu diesem Weg wurde. Die junge Frau strahlte, lachte und tanzte und folgte diesem Weg und desto länger sie dieses Gefäss betrachteten, desto mehr sahen sie ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder, ihre Schwester, ihre Grossmutter, ihren Grossvater darin. Die junge Frau entschwand ihren Blicken und ein grosser Blitz und Donner zerschlugen den Nebel und den Morgenreif und einige hören die Worte „ich mache alles neu“. Lag ich wach oder schlief ich?
Wieder einmal einen Tag voller Entbehrungen, voller Frust, Angst und Depressionen. Während ich meinen Tränen nach langer Zeit wieder Raum geben konnte, und sich mein Strohkissen mit Feuchtigkeit füllte, hörte ich eine mir bekannte Stimme, zuerst wie ein Säuseln, später wie eine Stimme einer Gewitters von Ferne, „steh auf, mache dich bereit“, ich hörte zuerst nicht hin, wollte es nicht wahrhaben, dann wieder „steh auf, mache dich bereit“, diesmal hörte ich zwei Stimmen, eine Stimme einer jungen Frau und die Stimme einen jungen Mannes. „Steh auf, mache dich bereit“. Erst als die dritte Stimme, die eines Blitzes und Donners so ohrenbetäubend, zu mir sprach, sprang ich auf „Steh auf, mache dich bereit“. Ohne zu zögern stand ich auf, zitternd am ganzen Körper. Ich konnte nur noch eine Flasche Wasser, meinen Gürtel und meine Sandalen an mich reissen und begab mich in die dunkle Nacht. Ohne zu wissen, wohin, rannte ich, stürzte hin, rannte weiter, schlug meinen Knöchel an einen Stein, weinte, doch hörte ich meine Stimme nicht mehr. Sie war weg, alle Geräusche um mich herum waren weg, Stille, schreckliche Stille, nur den kühlen Wind spürte ich auf meiner verschwitzten Haut und den mir herunter laufenden Tränen. Ich stürzte und blieb liegen. Ich weiss nicht mehr, ob ich schlief oder bewusstlos war, erst als der Tag anbrach und mich die Sonne mit ihrer grossen Hitze weckte, war die Stadt bereits weit hinter mir. Ich befand mich am Rande einer grossen Wüste. Nur Sand, soweit das Auge reichte, keine Spuren, keine Menschen, keine Tiere, nur die segnende Hitze. Ich stand auf, fiel jedoch wieder hin, griff nach meiner Flasche, sie war noch da! Ich trank, doch durfte ich nicht alles austrinken, ich musste einteilen, wie lange ich unterwegs bin und wohin. Mein Kopf pochte und bei jedem Pochen hörte ich in mir die Stimme eines junges Mannes „steh auf, und mache dich bereit“. Sie tönte vertraut und doch erhaben und nicht von dieser Welt. So zog ich die Riemen meiner Sandalen an und stand auf. Erst mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Sand und die Hitze, ich riss einen Teil meines Gewandes ab und umgürtete diesen mit meinem Gürtel an meiner Stirne. So konnte ich meinen Kopf bedecken. Die Augen gewöhnen sich an Helligkeit und ich begann meine Wanderung.
