Noch bevor die Nacht einbrach, erreichte ich eine Stadt, die Stadt der Schilder. Jedes Schild schien eine andere Botschaft zu verkünden und in eine andere Himmelsrichtung zu deuten. Auf einem Schild stand “Autonomie 40 Kilometer – folgen Sie dem Wegweiser, er führt sie in das Land der Freiheit und Selbstbestimmung. Auf einem anderen Schild stand “besuchen Sie noch heute das Kapitol des Kapitalismus” – auf einem weiteren “Badeferien am Strand von Karma”, auf einem anderen “Wellness in Indirglückallein”. Am Rande der Stadt sah ich einen grossen elfenbeinfarbenen Turm. Er überragte alle Schilder der Stadt. Auf dem obersten Punkt befand sich eine Aussichtsplattform. Ein einsamer Pilger begegnete mir und ich fragte ihn, von wo er gekommen sei. Er käme zurück vom grossen Marsch, dem Land seiner Träume und habe von dort eine grosse Leiter mitgebracht, so hoch, dass man damit den Turm besteigen und die Aussicht geniessen könne. Gemeinsam half ich ihm, die grosse Leiter zu stemmen. Die Sonne blendete stark und verstärkte den Blendeffekt zusätzlich durch die vielen Metallschilder. Es verunmöglichte uns, die Leiter am Turm zu platzieren. Die Nacht brach herein und endlich gelang es uns, die Leiter am Turm anzusetzen. „Heute ist es zu spät, noch auf den Turm zu gehen, doch hier können wir nicht bleiben“, meint der Pilger, nachts kommen die Wölfe und fressen alles, was ihnen auf den Weg kommt. Schweren Herzens erklommen wir die Leiter, der Aufstieg war enorm gefährlich. Der Pilger mahnte mich, nicht nach unten zu schauen, sondern nach oben. Nach langen Kämpfen, Ausrutschen, sich festklammern, erreichten wir die Terrasse. Ein starker Wind wehte uns entgegen und es war fast unmöglich, sich über längere Zeit auf dem Turm zu halten. „Halte dich an mir fest, befahl mir der Pilger, gemeinsam müssen wir einander in dieser kalten Wüstennacht warm geben und uns auf die Terrasse legen, damit wir nicht fortgeblasen werden und erfrieren“. Erst in den Morgenstunden konnte ich einschlafen. Am anderen Morgen wurde ich früh wach. Ich stand auf und stellte mit Verwunderung fest, dass der Pilger nicht mehr da war und ich mich alleine auf dem Turm befand. Neben mir brannte ein Feuer und auf dem Feuer brutzelte ein Fisch vor sich hin und daneben ein Laib von Brot. Ein grosser Krug mit Wasser stand am Rande des Daches. Ich getraue es nicht zu berühren, spürte, dass dies ein heiliger Moment war. Doch hatte ich Durst und Hunger. Ich berührte das Gefäss und trank davon einen Schluck und gleich wollte ich anheben zum zweiten Schluck anheben und ich sah, wie ein junger Mann sich in diesen Krug in mich hinein schütten wollte. Ich erschrak, weil, dass was ich Trank war Wein und vor Schreck liess ich das Gefäss fallen. Das Gefäss fiel vom Turm und zerschellte am Boden. Doch diese kleine Flüssigkeitsmenge fuhr in meinem Bauch, ich spürte starke Krämpfe, wie bei einer Geburt, es zerrte mich, krümmte mich, ein dicker Klos blieb in meinem Mund stecken, ich brachte ihn nicht heraus, versuchte ihn herauswürgen, ich krümmte mich und mit letzter Kraft die ich zusammen nehmen konnte schrie ich oder etwas schrie in mir „Fili David miserere mei.“ Obwohl mich diese Wortwahl sehr befremdete, tönten sie nach all der Hoffnung, welche ich nur erahnte konnte, nach nach Hause kommen. Langsam kam ich wieder zu Atem. Ich stand auf, streckte und vergewisserte mich, dass die Leiter noch da war. Die Schilder schienen nicht mehr so gross zu sein in dieser Höhe. Plötzlich fiel mir auf, dass alle Wege der Schilder sich im Horizont zu einer grossen Strasse verbanden. Alle Wege führten zum gleichen Anfangspunkt, zum Ausgangspunkt. Auf der anderen Seite des Turms stellte ich mit Erstaunen fest, dass ein kleiner schmaler Weg weg von der Stadt weiter durch endlose Wüstenlandschaften führte. Am Horizont konnte man ungenau eine Bergkette erkennen. Ich hörte das Säuseln des Windes und dann merkte ich, dass ich wieder hören konnte. Nachdem ich mich entschieden hatte, den Turm zu verlassen und die Leiter herunterzusteigen, wand ich mich gegen Norden und Bergen zu. Die Hitze der Sonne brannte unaufhörlich und machte das Gehen schwer.
