15. September 2024 AD
Lieber Paulus
Nachdem ich einen Brief an König David geschrieben habe, ist es für mich ein Bedürfnis, auch dir einen Brief zu schreiben. Sicherlich fragst du dich jetzt, weshalb ich im Zusammenhang mit König David dir einen Brief schreibe. David fasst aus meiner Sicht den Aspekt des “alttestamentlichen Zusammenhangs“ mit der Hoffnung und Sehnsucht des neuen Bundes wieder. Du, ein Gelehrter der alten Schriften, der, aufgrund einer Offenbarung, sich dem neuen Bund angeschlossen und diesen in sein Leben integriert hat. So haben wir die Hoffnung und die erfüllte Hoffnung zweier Männer, welche vom alten Bund geprägt waren. Für mich eine spannende Auseinandersetzung. Sicherlich scheint es mir um vieles einfacher, den Brief an König David zu formulieren, da wir jetzt im Zeitalter der Offenbarung des Messias durch Jesus Christus leben und den Kontrast des noch nicht Erfüllens gegenüber dem Erfüllens klarer aufzeigen. In deinem Fall wird es schwieriger. Vergib mir, wenn ich vielleicht etwas aushole, vielleicht auch hinterfrage. Ich respektiere dich sehr und dieser Brief soll meine Liebe zu dir als Bruder in Christus aufzeigen. Mir ist bewusst, dass du nie auf diesen Brief antworten kannst. Sicherlich nicht, solange ich auf dieser Erde lebe. In der Ewigkeit würde es mich sehr freuen, mit persönlich darüber zu sprechen, was so wie ich es mir vorstelle sicherlich nie passieren wird, da wir dann alles Erkennen werden und trotzdem glaube ich, dass wir ab und an die Brille des Irdischen anziehen und uns wie unwissende Kinder über Gottes Reich unterhalten und amüsieren werden.
Ich wurde durch die Bibel und ihre Aussagen schon früh in meinem Leben. Der Glaube an Jesus Christus war in unserer Familie zentral, nicht nur der Glauben an Dogmen oder Lehrmeinungen, sondern die Beziehung zu Jesus und dem Vater der Schöpfung. Schon als kleiner Junge hat mich das Lied “Gott ist die Liebe” sehr tief berührt. Ich wusste immer, dass dies eine zentrale, wenn nicht auch die Aussage der Bibel sein müsste. Liebe Gott von ganzem Herzen und mit all deiner Kraft, den Nächsten wie dich selbst ist für mich zentral. Ich kann nichts ohne seine Liebe. Du hast es so gut formuliert im 1. Brief an die Korinther (Kapitel 13), es ist eine Inspiration für viele von uns. Jede Person ist geprägt von seiner Erziehung, seiner Geschichte, aber auch der Art, wie uns Gott gedacht hat. Dieses Gedankengut prägt uns, prägt uns bis tief in unser Glaubensleben hinein. Sie geben dem Glauben ein Couleur, eine entsprechende Farbe. Auch ich, lieber Paulus, bin von diesem Couleur nicht gefeit. Auch ich musste lernen, dieses Denken in Gefangenschaft gegenüber Christus zu nehmen und mich von ihm prägen zu lassen. Mir ist bewusst, dass die alten Schriften für dich ein anderes Schwergewicht haben als für mich. Dass, das Rezitieren, das Auswendiglernen, das Kauen der Schriften für dich, etwas anderes, etwas zugehörend, zu deinem jüdischen Glauben sind. Es prägt dich, auch da dein Retter mit gleicher Grundlage aufgewachsen ist.
Wenn ich deine Schriften, deine Briefe an die verschiedenen Gemeinden und an Einzelpersonen lese, weiss ich und bin überzeugt, dass du alles aus dem Gedanken der Nächstenliebe geschrieben hast, ja, noch mehr aus dem Gedanken der Gottesliebe, die sich durch Jesus zeigt. Doch finde ich Aspekte des Buchstabens darin, des Buchstabens, welcher uns den Geruch des Skavenheit aufzeigt und sich nicht kontinuierlich auf den Aspekt der Sohn- und Tochterschaft fokussiert. Das dein Blick zwischendurch abschweift und du dich (wie ich auch immer wieder) vom Zurückblicken, statt Vorausschauen verfängst. Mein lieber Paulus, ich habe keine Ahnung was es heisst, so geprägt durch den alten Bund aufzuwachsen und so rasant und ohne Umwege den neuen Bund anzunehmen. Es muss ein Kulturschock sein, ein so grundlegender Paradigmenwechsel, welcher nicht von heute auf morgen vollzogen werden kann. So wie dein Volk 40 Jahre in der Wüste suchen musste, so scheint mir der Wechsel vom alten zum neuen Bund, nicht in einer oder sogar mehreren Generationen möglich. Wann werden wir ohne weiteres das gelobte Land erreichen?
Lieber Paulus, ich will dich nicht kritisieren, doch weiss ich von dir und auch von meinem Erleben, dass die Barmherzigkeit Gottes uns Klarheit gegeben und uns vom gesetzlichen Eifer befreit hat.
Alles, was wir wissen ist Stückwerk, du hast recht, wie durch einen Spiegel, doch wenn wir Gott sehen, wird alles offenbart sein.
Du hättest dir nie erträumen lassen, dass über 2000 Jahre später Menschen immer noch den Buchstaben anbeten, anstatt das Wort zu lieben, lieber ausgrenzen als reflektieren. Ich verstehe es nicht, dass wir uns all die Zeit später nicht mehr lieben können. Weshalb sind unsere Herzen und Hände so kalt?
Ich werde dir später folgen, dann schlafen wir zusammen den Winterschlaf, bis Jesus uns mit seinen Engeln und seinen Fanfaren weckt und wir emporsteigen in die neue Stadt und uns begegnen und uns umarmen können.
In grosser Vorfreude, lieber Bruder Paulus
